Dominique Gartmann

Innenwelten

 

 

Ich möchte sagen, daß derjenige, der die Anlage dazu in sich trägt, aus diesem Klecks zu lesen, darin einige menschliche Köpfe entdecken kann, verschiedene Tiere, eine Schlacht, einige Felsen, das Meer, Wolken, Wälder, und tausend andere Dinge – es ist wie Glockenläuten, aus dem man heraushört, was man als Vorstellung in sich trägt.
Leonardo da Vinci
Was Leonardo da Vinci in seinem »Traktat der Malerei« beschreibt, ist tatsächlich Grundlage für viele Bilder von Dominique Gartmann. Sie setzt Pinselstriche und Kleckse erst einmal willkürlich aufs Papier und schafft sich damit selbst den Brunnen, aus dem sie später schöpft. Denn die Bilder ihrer Innenwelten entstehen in einer Art »écriture automatique« aus den Vorgaben, die der Zufall ihr macht. Dazu zerstört sie zunächst das Ganze des Bildes, schneidet es in gleichmäßige Quadrate, die sie dann, jedes für sich weiterentwickelt. Die Figuren, Insekten, Tiere und Landschaftsszenen, die ihr aus dem Vorhandenen entgegentreten, arbeitet sie mit spitzer Feder heraus und macht sie so auch für den Betrachter sichtbar. Wobei manche Gestalten sofort ins Auge springen, andere sich besser verstecken und ein wenig Geduld und auch Übung vom Sehenden verlangen.
Wie das Leben, das aus endlos vielen Fassetten besteht, die sich nicht in einem Blick erfassen lassen, widersetzen sich auch die Bilder von Dominique Gartmann dem schnellen Überblick. Denn zusammengefügt, ergeben die Quadrate zwar wieder ein Ganzes, aber man muß sich Zeit lassen und Quadrat für Quadrat erkunden.

Die verschiedenen Perspektiven entdecken. Die Gestalten, die aus den Flecken und Pinselstrichen herauswachsen und die manchmal einander, manchmal aber auch den Betrachter zum Tanze aufzufordern scheinen.

Wer sich darauf einlässt, wird immer tiefer in die Bildwelten hineingeraten, in denen sich die Ebenen von Realität und (Tag-) Traum, Oberfläche und Tiefe, Zufall und zeichnerischem Bewußtsein verweben. Wer den Bilderreigen mittanzt, wird merken, daß sich in Gartmanns Bilder auch die eigenen Vorstellungen hineinweben. Wie die Plattitüde sich bestätigt, das Ganze sei eben mehr, als die Summe seiner Einzelteile. Und das wörtlich. Denn die Wege durch Gartmanns Bilder sind vielfältig.

 Jeder (Tanz-) Schritt, jede Entdeckung verändert ihre Bedeutung durch die Entdeckung anderer Gestalten, Formen, anderer Bildteile. Immer neue Fassetten tun sich auf. Das Leben kennt eben nicht nur eine Geschichte, sondern viele. Oder wie Leonardo da Vinci weiter schrieb: »Wenn Du sie sorgsam betrachtest, wirst Du einige wunderbare Erfindungen machen.
Marion Oelmann, Oktober 2002